Lokführer zwischen Rhein, Alpen und Güterverkehr
Manchmal dauert es ein bisschen länger, bis man dort ankommt, wo man eigentlich schon immer hinwollte.
Bei Tobias Menzi war die Eisenbahn bereits nach der Schule ein Thema. Trotzdem führte sein erster beruflicher Weg nicht direkt zur Bahn. Tobias absolvierte eine kaufmännische Ausbildung mit Schwerpunkt Buchhaltung und beschäftigte sich nebenbei intensiv mit dem Programmieren. Der Wunsch, irgendwann einmal Lokführer zu werden, blieb jedoch bestehen.
2016 kam schließlich der Moment, den Tobias selbst als „Jetzt oder nie“ bezeichnet. Bei der DB Regio bot sich ihm die Möglichkeit zum Quereinstieg – und Tobias ergriff sie.
Sein Weg als Lokführer begann auf der Hochrheinbahn. Später kamen Ausbildungen für Nebenstrecken hinzu, wodurch er unter anderem auf der Wutachtalbahn unterwegs war und Fahrgäste nach Weizen zur Sauschwänzlebahn brachte. Besonders begeistert war er von den Fahrzeugen, die er fahren durfte: der legendären Baureihe 611 ebenso wie der Baureihe 612 und deren Neigetechnik. Durch die Verbindung über Schaffhausen nach Singen kam außerdem eine besondere „kleine Schweiz“-Ausbildung hinzu.
Doch irgendwann wurde aus der Faszination Routine. Nach rund drei Jahren bestand der Arbeitsalltag zunehmend aus den immer gleichen Fahrten zwischen Basel Bad Bf. und Lauchringen. Tobias suchte eine neue Herausforderung – und fand sie Ende 2019 im Güterverkehr in der Schweiz.
Damit begann für ihn ein völlig neues Kapitel.
Heute arbeitet Tobias in einem privaten Eisenbahnunternehmen und genießt vor allem die Abwechslung. Neben seinen Einsätzen als Lokführer übernimmt er inzwischen auch Aufgaben als Rangierlokführer, Rangierleiter und Rangierbegleiter. Jahrelang war er im internationalen Güterverkehr häufig allein auf der Lok unterwegs, teilweise stundenlang in Richtung Italien oder Deutschland. Heute gehört für ihn genauso die Arbeit im Team dazu – manchmal mit mehreren Kollegen an einer Rangierkomposition, manchmal wieder ganz allein im Führerstand.
Seine heutige Eisenbahnwelt spielt dabei zu einem großen Teil in den Alpen.
Und dort wird schnell deutlich, dass Güterverkehr weit mehr ist als „einen Zug von A nach B fahren“.
Wenn 3.500 Tonnen Gesamtgewicht am Haken hängen und es nach dem Simplontunnel mit 26 Promille hinunter nach Domodossola geht, sind Erfahrung, Geschick und vor allem Besonnenheit gefragt. Für Außenstehende mögen 26 Promille beziehungsweise 2,6 Prozent Gefälle zunächst nach wenig klingen. Für einen schweren Güterzug macht dieser Unterschied jedoch gewaltig viel aus.
Für Tobias ist genau diese Verantwortung ein wesentlicher Teil seines Berufs.
Täglich bewegt er tausende Tonnen Güter – und sieht darin gleichzeitig einen ganz konkreten Beitrag zum Umweltschutz. Im Rangierdienst erlebt er beispielsweise unmittelbar, wie viele Lkw durch den Transport auf der Schiene ersetzt werden können. Ein einzelner Wechsel an seinem Einsatzort kann Waren für 18 Lkw auf die Bahn bringen.
Doch Eisenbahn ist für Tobias nicht nur Technik und Verantwortung. Es ist auch Teamarbeit. Fahrdienstleitung, Leitstelle und Kolleginnen und Kollegen müssen zusammenarbeiten – gerade dann, wenn einmal nicht alles nach Plan läuft. Gemeinsam eine Lösung zu finden, damit ein Zug am Ende doch noch fahren kann, gehört für ihn genauso zur Eisenbahn wie die Lokomotive selbst.
Eisenbahn erklären statt nur Eisenbahn zeigen
Seine Leidenschaft für die Eisenbahn hat Tobias schon lange vor seiner Zeit als Lokführer begleitet – unter anderem durch die Fotografie. Heute freut er sich zwar immer noch über ein gutes Eisenbahnbild vor der spektakulären Kulisse der Schweizer Alpen. Noch wichtiger ist ihm jedoch die Geschichte, die hinter dem Bild steckt.
Denn Tobias möchte Eisenbahn erklären.
Während seiner Zeit im Personenverkehr bemerkte er immer wieder, wie viele Mythen und falsche Vorstellungen über den Bahnbetrieb existieren. Warum kann man bei einem ausgefallenen Zug nicht einfach schnell einen anderen aus der Abstellung holen? Warum wird aus dem Lokführer in der öffentlichen Wahrnehmung so häufig ein „Zugführer“ oder „Zugfahrer“?
Aus diesen Beobachtungen entstand zunächst ein Twitter-Tagebuch über seinen Arbeitsalltag. Mit der Zeit wurde daraus eine Plattform für Begegnungen, Geschichten und vor allem Aufklärung. Tobias freut sich besonders über jene Momente, in denen aus einer falschen Vorstellung plötzlich ein „Aha!“ wird.
Auch seine Teilnahme an den #TRAINfluencern der Allianz pro Schiene passt deshalb perfekt zu diesem Ansatz. Bereits eine frühere Ausschreibung hatte Tobias interessiert, damals reichte seine Reichweite allerdings noch nicht aus. Bei der nächsten Bewerbung fehlten ihm nur knapp die notwendigen Follower. Also fragte er kurzerhand seine Community um Unterstützung. Innerhalb weniger Minuten war das Ziel erreicht – und Tobias wurde Teil der #TRAINfluencer.
Seine Motivation hat sich dadurch nicht verändert: Er möchte zeigen, wie Eisenbahn wirklich funktioniert, welche Verantwortung dahintersteckt und warum manche Dinge im Bahnbetrieb eben nicht so einfach sind, wie sie von außen erscheinen.
Vom Personenverkehr zum „Urlaub“
Wenn Tobias heute auf seine bisherige Laufbahn zurückblickt, ist es ausgerechnet der Wechsel vom Personen- in den Güterverkehr, der für ihn besonders herausragt.
Im Personenverkehr bestimmen Fahrplan, Abfahrtszeiten und Fahrgäste den Arbeitsalltag. Im internationalen Güterverkehr ist vieles anders. Tobias beschreibt es mit einem Augenzwinkern: Wenn man froh sein kann, dass ein Zug am selben Tag überhaupt noch ankommt, wird der Beruf plötzlich sehr viel entspannter.
Für Tobias fühlt sich der Güterverkehr deshalb bis heute manchmal fast wie „Urlaub“ an.
Und vielleicht ist es genau diese Mischung, die seinen Beruf für ihn so besonders macht: Verantwortung und Selbstständigkeit, Technik und Natur, Teamarbeit und die Ruhe eines langen Güterzuges, der allein durch die Landschaft rollt.
Wenn Tobias jemandem erklären soll, warum man Lokführer werden sollte, braucht er deshalb keine komplizierte Antwort.
Man sollte die Natur mögen. Man sollte gerne selbstständig arbeiten. Und man sollte bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.
Denn manchmal bedeutet Lokführer zu sein auch, im Herbst bei Sonnenaufgang zu erleben, wie der Bodennebel über dem Rhein liegt. Oder in eine 90 Tonnen schwere Lok zu steigen, rund 8.700 PS unter sich zu haben und eine gewaltige Last durch die Alpen zu bewegen.
Und wenn man am Ende einer Fahrt vielleicht sogar noch eine Verspätung abbauen konnte?
Was möchte man mehr?




